Alicja Kwade (*1979 Polen) beschäftigt sich in ihren Skulpturen sowie in Installationen, Fotografien und Filmen mit unterschiedlichen Aspekten von Wertvorstellungen sowie mit Fragen abstrakter Vorstellungen wie Raum und Zeit. Die in Berlin lebende Künstlerin gehört zu einer Generation von Bildhauerinnen, die grundlegende Ansätze der Installationen der 1960er Jahre, wie der Minimal Art, aufgreifen und deren Prinzipien adaptieren, ohne die Inhalte fortzuführen. Besonders Künstler wie Robert Morris und Robert Smithson, die gerade in den 1990er Jahren eine Neubewertung erfahren haben, stellen für die Betrachtung von Kwades Arbeiten einen wichtigen Kontext dar.
Kwade beschäftigt sich mit komplexen wissenschaftlichen Theorien über die physische Beschaffenheit bestimmter Materialien, die sie immer wieder zu hintergehen versucht. Vornehmlich bilden Gegenstände des Alltags und meist wertlose Fundstücke den Ausgangspunkt ihrer Arbeit. Häufig mit Hilfe aufwendiger Verfahren transformiert die Künstlerin diese Objekte zu Gegenständen, die Luxus und Makellosigkeit suggerieren. Hierbei erfahren Sie einen subtilen Bedeutungswandel – das „Objet trouvé“ wird zur „minimal sculpture“ oder versinnbildicht durch seine unendliche Vervielfältigung einen bestimmten historischen Moment.
Die Ausstellung im Westfälischen Kunstverein versammelt die aktuellsten Arbeiten Kwades, in deren Mittelpunkt die Videoinstallation „Thoas, Agrios, Gration“ (2009) steht. Drei Leinwände schweben in einem tiefschwarzem Raum und zeigen Aufnahmen von scheinbar schwerelos im Raum schwebenden Gesteinsbrocken. Die Filmische Inszenierung wird um weitere skulpturale Arbeiten im Ausstellungsraum ergänzt. Kwades Objekte und Bilder basieren meist auf einfachen Ideen, welche die Wahrnehmung des Betrachters herausfordern. Denn das, was als „normal“ erscheint, stellt sich bei genauerer Betrachtung meist als eine physikalische Unmöglichkeit heraus.
Die Qualität und Spannung von Kwades Arbeit liegt in der Erarbeitung einer prägnanten Form und perfektionierten Oberfläche, die mit einem irritierenden Moment versehen ist, das über sie hinausweist. Sie wagt sich mit ihren materiell präzise gearbeiteten Skulpturen in Bereiche der Naturwissenschaft vor, wenngleich sie deren Materialität und Diesseitigkeit in ein häufig surrealistisches Licht taucht. Spiegelungen, Wiederholungen sowie Wellen von Licht und Klang erzeugen eine atmosphärische Intensität. Kwade versucht das Unsichtbare sichtbar zu machen, das Unvorstellbare zu begreifen. Dafür bildet sie zuweilen poetische, zuweilen absurde Formen in einer sonst rational determinierten Realität.
Parallel zur Ausstellung präsentiert die Kestner-Gesellschaft in Hannover eine Einzelschau der Künstlerin vom 9. April – 24. Mai. Eine umfangreiche Publikation mit Texten von Kristy Bell, Kathrin Meyer und Katja Schroeder erscheint begleitend im Distanz Verlag, Berlin.
Alicja Kwade (*1979, Poland) has in her sculptures—as well as in her installations, photographs and films—long been engaged with different aspects of our value systems and with the issue of abstract concepts such as space and time. The artist lives in Berlin and belongs to a generation of sculptors who have taken up the fundamental approach of the installations of the 1960s, such as Minimal Art, and adapted their principles without pursuing their thematic contents. Above all the artists Robert Morris and Robert Smithson, who specifically in the 1990s enjoyed a reevaluation, represent an important context for regarding Kwade’s works.
Kwade occupies herself with complex scientific theories on the physical property of certain materials, which she then repeatedly attempts to circumvent. Everyday articles and mostly worthless found objects make up her main starting point. Often deploying an elaborate modus operandi, the artist transforms these objects into pieces that suggest the luxurious and the immaculate. They hereby undergo a subtle change in meaning; the objet trouvé becomes a minimal sculpture or, symbolized by its infinite reproduction, a specific historical moment.
The exhibition at the Westfälischer Kunstverein assembles Kwade’s most recent works, whose centerpiece is the video installation “Thoas, Agrios, Gration” (2009). Three canvases are suspended in a pitch-dark room and show shots of rocks that float there in apparent weightlessness. This cinematic staging is supplemented by other sculptural works in the gallery. Kwade’s objects and pictures are mostly based on simple ideas that challenge the viewer’s perceptual world. For what seems “normal” usually proves at a closer look to be a physical impossibility.
The quality and the tension in Kwade’s work lies in creating a telling form and a perfect surface, coupled with an irritating factor that takes us beyond these aspects. With her materially precisely worked out sculptures, she ventures into the field of the natural sciences, although she immerses their materiality and worldliness in a surrealist light. Mirror reflections, repetitions and waves of light and sound generate an atmospheric intensity. Kwade tries to make the invisible visible, the inconceivable conceivable. To do so, she creates forms that are at time poetic, at times absurd, within an otherwise rationally determined reality.
Parallel to our exhibition, The Kestner Gesellschaft in Hannover is presenting a solo exhibition of the artist from 9 April to 24 May. A comprehensive publication with articles written by Kristy Bell, Kathrin Meyer and Katja Schroeder will be published by the Distanz Verlag, Berlin.
Vortrag: