Eliza Ballesteros

BUTCHER’S COIN

25. Juni – 18. September 2022

Eröffnung: Freitag, 24. Juni 2022, 19 Uhr

AusstellungsortWestfälischer Kunstverein, Rothenburg 30, 48143 Münster

Eintritt

4 € / ermäßigt 2 € / Mitglieder frei


Mit ihren raumgreifenden Inszenierungen fordert Eliza Ballesteros Betrachter:innen heraus: Die Arbeiten der Künstlerin senden keine plakativen Botschaften, vielmehr bieten sie komplexe Erfahrungsräume, die assoziativ auf unsere Lebenswelt verweisen. Diese „inszenierten Realitäten“, wie Ballesteros ihre Installationen nennt, legen den Finger gezielt in Wunden und ermöglichen es Betrachter:innen, Sachverhalte aus ungewohnten Perspektiven zu erfahren. So entlarvt die Künstlerin in ihren begehbaren Installationen patriarchale Machtstrukturen, heteronormative Rollenbilder und gesellschaftliche Klassifizierungen. Sie wagt „den Blick zurück nach vorn“, um im Hier und Jetzt tradierte gesellschaftliche Systeme zu hinterfragen.

In der für den Westfälischen Kunstverein entwickelten Ausstellung BUTCHER’S COIN knüpft Ballesteros an das Thema der Domestizierung von Tieren an, das ihr immer wieder als Folie dient, um soziokulturelle Narrative und Deutungshoheiten zu erkunden. Dafür koppelt sie Objekte aus den Kontexten Schlachtbetrieb und BDSM-Studio, um sie in neue Bezüge zu setzen. Sie alle greifen ein Schlüsselelement in Ballesteros‘ Werk auf: die Begierde. Auf formaler Ebene vermittelt sie sich durch die verwendeten Materialien. Sei es der rote Stoff des Samtvorhangs, VEIL/VEAL, das edel gearbeitete Holz von HACK KLOTZ und HACK KLOTZ [pouppée] oder die glatten Oberflächen der TREICHEL I–III. Sie alle eint, dass sie haptisch erfahren werden wollen. Sie korrespondieren mit Objekten aus Latex, Leder und Stahl, die als Assoziationen zu Formen des Lustgewinns gelesen werden können. In ihnen manifestiert sich die Animierung von Trieben, die sich – ganz im Hegel‘schen Sinne – zu einem massiven Wollen entwickeln und bis zum Fetisch steigern.

Auch auf inhaltlicher Ebene ist diese Begierde präsent: Ballesteros betrachtet den titelgebenden BUTCHER, d.h. den Schlachter, einerseits als Sub, d.h. Untergebenen, der die Begierde der Gesellschaft nach Fleisch erfüllt. Andererseits ist er dem zu schlachtenden Tier gegenüber Herr und Henker, d.h. Dom bzw. dominant. Für Ballesteros kulminiert im Beruf des BUTCHER die kollektiv-gesellschaftliche Begierde, die in der Tötung bzw. Vernichtung ihren Höhepunkt erfährt. In dieser zwiespältigen Rolle des BUTCHER offenbaren sich für die Künstlerin fließende Binaritäten.

Begierde und Fetischismus lösen sich so bei Eliza Ballesteros aus der Privatheit des subjektiven Empfindens und gewinnen gesellschaftspolitische Relevanz. Schon Karl Marx definierte den Fetischismus als eine Verdinglichung menschlicher, sozialer Beziehungen. So wird die Tötung von Tieren bei der Künstlerin zur Metapher für strukturell verankerte Hierarchien und Abhängigkeitsbeziehungen in unserer Gesellschaft. Damit stellt sie die soziokulturelle Konstruktion der Geschlechter- sowie damit einhergehenden Machtkategorien und mit ihnen verknüpfte Dynamiken zur Diskussion, deren Wirkmacht es immer wieder aufzudecken gilt. Als eingängiges Beispiel hierfür mögen SPIKED COLLARS dienen: Blow-ups von Halsbändern. In der Größe eines Wachhundes verweisen sie auf das übergeordnete Thema der Domestizierung. So markiert ein umgelegtes Halsband den Hund als Besitz eines Menschen. Das Stahlhalsband – wie bisweilen noch heute auf Höfen gebräuchlich – ist durch sein Gewicht, das sich um die Kehle legt, eine Bürde für das Tier. Gleichzeitig bieten die Stacheln dem Wachhund aber auch Schutz, etwa gegen Raubtiere, womit das Halsband zum ambivalenten Gegenstand wird.

Ausgangspunkt zu den Überlegungen der Künstlerin für BUTCHER’S COIN ist das Gemälde Das Milchmädchen, ein biedermeierliches Idyll von Adolf Schmidt aus dem Jahr 1834. In ihm erfährt weder die Domestizierung von Tieren noch die damit verbundene Arbeit realistische Darstellung. Der Porzellanteint des Milchmädchen und ihre weichen Hände vermitteln ein historisches Idealbild von Weiblichkeit, nicht die Wahrheit über eine hart arbeitende, in der Hierarchie eines Bauernhofs an unterster Stelle stehenden Frau. Als Gehilfin der Bäuerin gehörte es zu den Aufgaben eines Milchmädchens, die Fütterung der Kühe, das Ausmisten der Ställe sowie das Melken und den anschließenden Verkauf der frischen Milch zu besorgen. Mit Blick auf diese historische Realität verweist das Gemälde auf gesellschaftliche Narrative seiner Entstehungszeit, die nicht auf die tatsächliche Tätigkeit eines Milchmädchens – schon als Bezeichnung eine Entwertung der arbeitenden Frau – abzielte, sondern Ausdruck eines überstilisierten Typus ist, der sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts gründete, über die Zeit hinweg manifestierte und bis heute tradiert. Es sind eben jene sozial und historisch konstruierten Vorstellungen von Schönheit und Geschlecht, die Ballesteros‘ Interesse an der Malerei geweckt haben.

Zentral ist dabei ein dominanter Betrachter:innen-Blick der Begierde auf eine – in diesem Fall – als weiblich gelesene Person und ihre damit verbundene Unterwerfung. Die Domestizierung des Tieres wird hier gleichsam zur Domestizierung der Frau und ihrer Rolle verstanden. Der historisch verankerte Blick, der die Objektifizierung der Frau bis heute prägt, wird durch Ballesteros‘ Inszenierung des Milchmädchen spürbar: In der intimen Atmosphäre des Kabinetts muss THRESHOLD, ein Vorhang, durch die Setzung der Künstlerin auf fast voyeuristische Weise gelüftet werden, damit Betrachter:innen dem Milchmädchen begegnen können. Umgeben von KLIMAVITRINE [climate-controlled display case] und KLIMAKISTE [climate-controlled crate], die nach Ballesteros‘ als Wächter:innen fungieren, schafft die Künstlerin durch präzise Setzungen einen zeitgenössischen Hortus conclusus. So verweisen Latexhandschuhe, SLICED GLOVES [cream], offensichtlich auf die BDSM-Szene, zugleich aber auch auf die Schutzhandschuhe im Arthandling. In ihnen materialisiert sich das strikte Reglement der Ausstellungspraktiken, das dem Schutz des Kunstwerkes höchste Relevanz beimisst. Dieser, aus dem Aspekt des Bewahrens entwickelte Gestus offenbart in seiner Absolutheit unseren fetischhaften Umgang mit Kunstwerken. Und es ist wahr: denn weniger in seiner künstlerischen Qualität, als vielmehr in seiner historischen Relevanz wird dem Milchmädchen höchste Bedeutung beigemessen. Es handelt sich um die erste Arbeit, die der Westfälische Kunstverein kurz nach seiner Gründung als – damals – zeitgenössisches Werk angekauft hat. Die Malerei ist also materieller Nukleus der Vereinstätigkeiten und damit Reliquie seiner Geschichte. Gleichzeitig erfährt das Gemälde in der subjektiven Annäherung der Künstlerin Aktualisierung: Ballesteros versteht Das Milchmädchen mit seinem strengen, fast herablassenden Blick als emanzipierte Person, die für sich einsteht.

Im Zusammenspiel von Domestizierung, Genderkategorien und dem Umgang mit Kunstwerken zeigt Ballesteros nur drei Aspekte des Fetischs bzw. der Begierde, die unserer Gesellschaft innewohnen. Sie stehen exemplarisch für unsere Umwelt, die sich durch sie konstituiert. Ballesteros gelingt es hierdurch, historisch gewachsene, aber als naturgegeben wahrgenommene Machtstrukturen und Narrative radikal offenzulegen, zu spiegeln und anzugreifen, zu zertrümmern und deren Legitimität infrage zu stellen.

BUTCHER’S COIN ist die erste institutionelle Einzelausstellung der Künstlerin und wird kuratiert von Angela Theisen.

 

Foto: Adolf Schmidt, Das Milchmädchen (Detail), 1834, Öl auf Leinwand, 112,2 x 87 cm, LWL-Museum für Kunst und Kultur, Inv. 322 WKV, Leihgabe des Westfälischen Kunstvereins, erworben 1835, Foto: LWL/Hanna Neander


Mit der freundlichen Unterstützung der Firmengruppe Hermann Brück, Brillux sowie der Glockengiesserei Berger.

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