Residence NRW+

Zu Gast im gemeinsamen Projektraum
von LWL-Museum für Kunst und Kultur und Westfälischem Kunstverein

 

Zutritt
über den Westfälischen Kunstverein
Rothenburg 30
48143 Münster
(abhängig von der geltenden Corona-Verordnung)

 

Öffnungszeiten: Dienstag–Sonntag: 11–19 Uhr

 

Eintritt: frei

 

„Epilog“

30. April - 14. Mai: Jasmin Werner (*1987, lebt und arbeitet in Köln)
18. Mai - 1. Juni: Sarah Buckner (*1984, lebt und arbeitet in Düsseldorf)
5. Juni - 19. Juni: Sami Schlichting (*1987, lebt und arbeitet in Düsseldorf)
23. Juni - 11. Juli: Pablo Schlumberger  (*1990, lebt und arbeitet in Köln und Hamburg)

 

Vom 30. April bis 11. Juli wird der Projektraum vier aufeinanderfolgender Solo-Präsentationen mit Begleitveranstaltungen, in denen die ersten Stipendiat:innen des 2020 gestarten Nachwuchsförderprogramms die materiellen und diskursiven Rahmungen der eigenen Arbeiten befragen. Was nährt eine künstlerische Praxis? Welchen Bedingungen unterlegt sie, welche setzt sie voraus? –  Neue Arbeiten, die von Skulptur und Installation bis hin zu Malerei reichen, und dabei die besondere Schaufenstersituation zwischen LWL-Museum für Kunst und Kultur und dem Westfälischen Kunstverein zu nutzen wissen. 

Kurator:innen 2021:
Marie Sophie Beckmann (* 1989, lebt und arbeitet in Berlin)
Julie Robiolle (*1996, lebt und arbeitet in Genf)

 

 

 

 


Jasmin Werner „Unschuldsengel“

30. April - 14. Mai 2021

 

Spot an. Senorita Latifa Sharifah mit Engelsflügeln vor – und in – dem Burj Khalifa in Dubai. Fassaden, Säulen, Stahl, Beton, Glas. Architekturen der Macht, in denen sich die Ideologie nationaler Grandesse, wahlweise auch der Glaube an eine große Idee, sei es Kapitalismus oder Sozialismus, manifestieren. Aussichtsplattformen erlauben den Blick von oben statt von unten, die Stadt wird zum Erlebnis, der Überblick zur Ware. Und hinter den Fensterrahmen: noch mehr Engel der (Un-)Schuld, nur aus anderen Zeiten. Corporate Identities, eine Hand hält die andere. Western Union und Remitly, send money online fast. 

Was wir sehen, sind Smartphone-Bilder, Logos von Geldtransferdiensten und Ausschnitte aus Archivreproduktionen von Malereien des 15. Jahrhunderts aus größeren sakralen Darstellungszusammenhängen, die dem Westfälischen Kunstverein gestiftet und als Dauerleihgabe dem LWL-Museum für Kunst und Kultur übergeben wurden, wo sie in der aktuellen Sammlungspräsentation ausgestellt sind. Eine Art Transfergeschäft zwischen jenen zwei Institutionen, die der Projektraum als Zwischenraum verbindet. Die klagenden, trauernden, betenden Engel sind Bruchstücke aus dem Hochaltar des Benediktinerklosters Liesborn. Als „noch brauchbare Teilstücke“ wurden sie herausgesägt, als der restliche Altar versehentlich beschmutzt wurde, wie es im Bestandskatalog des Museums heißt. Die vier Engelfragmente sind also noch von Wert – nicht zuletzt als Exponate und Anhaltspunkte für eine aufwändige Rekonstruktion des Altars, an der sich diverse Expert*innen, Institutionen und Sammlungen beteiligten.

Auf Bauschutznetze gedruckt und auf Alurahmen fixiert, werden die Engel, Architekturen und Schriftzüge von Jasmin Werner zu Montagen überlagert und auf einer Bildfläche verschaltet.  Zusammen ergeben die von der Decke und an der Wand hängenden bzw. im Raum stehenden, der Fensterfront des Projektraums zugewandten Rahmungen eine Anordnung, die in ihrer provisorischen Materialität ebenfalls an Montage denken lässt: hier wird etwas (wieder) aufgebaut und (re-)konstruiert, hier entsteht etwas. Womöglich nicht von Dauer, aber für den Moment ist es da, als ein Zeichen der Verheißung. Wie Planen auf einem Baustellengerüst, bedruckt mit Bildern einer noch nicht existenten – oder gänzlich imaginierten – Gebäudefassade. 

Auch ohne die jeweilige Geschichte der Bilder im Detail zu kennen, werden die suggerierten Zusammenhänge spürbar. Die Bildmontagen schaffen ein assoziatives Bezugssystem des Transfers und der Zirkulation: Es geht um Austausch und Verschiebung sowohl von Zeichen und deren kulturellem Wert und Bedeutung als auch von Macht und Moral, Schuld und Schulden. Denn die Frage der Schuld ist nie nur eine des Geldes, sondern sogleich eine politische und aufs engste mit – religiös geprägten – Vorstellungen von Moral verwoben. Insbesondere im Mittelalter bringt die Verschmelzung der sich formierenden Weltreligionen und Handelsmärkte eine Logik und Rhetorik der Schuld hervor, an der sich bis heute wenig geändert hat. Sprechen wir in unserem globalen kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem von Abhängigkeit und Freiheit, Vergeben und Sünde, vom Wahren und vom Falschen, läuft es noch immer auf die jahrtausendealte Frage hinaus: Wer ist wem was schuldig?

 

Marie Sophie Beckmann

 

 

 


Begleitprogramm

Schuld und Schulden | Ein Gespräch zwischen Dr. Petra Marx und Prof. Dr. Aloys Prinz 

Auf Einladung der Künstlerin Jasmin Werner sprechen Dr. Petra Marx (Wissenschaftliche Referentin für die Mittelalter-Sammlung des LWL-Museums für Kunst und Kultur) und Prof. Dr. Aloys Prinz (Direktor des Instituts für Finanzwissenschaft an der WWU Münster) über die historische und zeitgenössische Verwobenheit von moralischer Schuld und finanzieller Schulden, die die Künstlerin mit ihren neu produzierten Arbeiten beleuchtet. Das Gespräch wurde in Jasmin Werners Ausstellung „Unschuldsengel” aufgezeichnet.


Residence NRW⁺ ist ein praxisorientiertes Stipendien­programm für den besonders begabten Nachwuchs (Künstler:innen und Kurator:innen) im Bereich der Gegenwartskunst mit Standort Münster. Das Pro­gramm ist angegliedert an die Kunsthalle Münster, einer Einrichtung der Stadt Münster, und wird finanziell unterstützt von dem Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein­-Westfalen, von der Kunststiftung NRW und von der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia

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